Nachhaltig investieren

25.02.2022 · von Matthias Niklowitz

Inflation versus Umwelt

Für viele Anlegerinnen und Anleger hat das laufende Jahr unerfreulich begonnen: DAX und S&P 500 liegen je acht Prozent zurück. Der Bitcoin hat gleich 18 Prozent verloren. Vom Gold, immerhin vier Prozent im Plus, musste man sehr viel haben, um die Schwäche anderer Assets zu kompensieren. Gleich um acht Prozent gestiegen sind hingegen die Preise für die EU-CO2-Emissionszertifikate. Diese widersetzen sich damit nicht nur dem weltweiten Abwärtstrend an den Börsen. Diese Emissionszertifikate treiben, so die Kritik einiger Politiker, die Inflation noch weiter an, weil die Produktion in der Industrie und in der Transportbranche weiter verteuert wird – und deshalb sollten diese Preise gedeckelt werden. Tatsächlich waren Emissionszertifikate in den vergangenen zwölf Monaten für Investoren ein glänzendes Geschäft: Die Preise haben sich mehr als verdoppelt. Allerdings nicht verdreifacht – und erst ab dieser Grenze hatte man bei der Ausgestaltung der gesetzlichen Grundlagen für die Emissionszertifikate in Artikel 29a eine Interventionsschwelle mit Bremsfunktion eingebaut. Je nach den Umständen können darüber hinaus die Spielregeln bei den Auktionen oder die Anzahl der emittierten neuen Zertifikate angepasst werden. Aus dem EU-Parlament kam Mitte Februar der Vorschlag, die Zahl der Zertifikate um 100 Millionen aufzustocken, wenn der Durchschnittspreis der vergangenen sechs Monate mehr als zweimal so hoch ist wie in den beiden vorangegangenen Jahren.

Umgekehrt haben zehn Branchenvereinigungen in einem Brief an die EU-Kommission vor solchen marktverzerrenden „schädlichen“ Eingriffen gewarnt. Bevor man etwas unternimmt, sollte man den für April geplanten Bericht zum Vorwurf der Marktmanipulation im EU-Emissionszertifikatehandel abwarten. Ein Vorbericht vom November 2021 hatte keine entsprechenden Hinweise gefunden. Droht jetzt dem jungen Markt, durch den nachhaltiges Wirtschaften von Unternehmen mit ökonomischen Anreizen gefördert werden soll, eine empfindliche Störung? Unter Analysten ist man sich einig, dass das Thema für die EU-Kommission viel zu wichtig ist, um massiv einzugreifen. Einige Industrien, Investoren und etliche Unternehmen, die sich früh auf die neue Situation eingestellt hatten, würden möglicherweise gegen solche Anpassungen bei den Regeln klagen. Es gibt einige Erfahrungen mit anderen Markteingriffen seit der Finanzkrise: Einschränkungen bei Leerverkäufen haben einzelne Firmen nicht vor der Pleite bewahrt. Einschränkungen im Eigenhandel haben bei den wichtigen Repo-Märkten zu Liquiditätsengpässen geführt. Kurzfristige Interventionen verschieben die Probleme nach hinten: Wenn man jetzt eingreift, betrifft das nicht nur die aktuellen Preise, sondern man beeinflusst dadurch auch die längerfristigen Erwartungen. Die Emissionszertifikatepreise würden nach 2025 umso stärker steigen – und das dann zu einem Zeitpunkt, zu dem die Wirtschaft ihre Emissionen noch spürbar stärker als heute reduzieren muss, wenn man die langfristigen EU-Ziele erreichen will. Die Nutzung der Umwelt hat ihren Preis – und den muss man so oder so bezahlen.

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung von nachhaltigem Investieren berichtet Märkte & Zertifikate weekly an dieser Stelle jede Woche über Neuigkeiten am ESG-Markt sowie über die vielfältigen Aktivitäten von BNP Paribas in diesem Bereich.

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Matthias Niklowitz

Matthias Niklowitz ist Analyst und Journalist in Zürich (Schweiz). Themenbereiche sind Innovationen, Nachhaltigkeit und Technologie. Nach dem Studium in Zürich (Sozial-, Umwelt- und Wirtschaftswissenschaften) arbeitete er in der universitären Forschung, bei Wirtschaftsmedien, in Banken und in Think Tanks in der Schweiz, in Frankreich, in Grossbritannien und in Deutschland. Matthias Niklowitz ist verheiratet, zur ganzen Familie gehören vier Kinder.

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