War‘s das mit der Friedensdividende?

04.03.2022 · von Holger Bosse

Die unmittelbare Reaktion der Börsen auf die Eskalation der Lage in der Ukraine dürfte niemanden überrascht haben. Aus Anlegersicht stellt sich jetzt die Frage, ob die Metapher der „Zeitenwende“ nur für den politischen Raum steht oder auch auf den Kapitalmarkt abstrahlt. Konkret: Sollte sich der Konflikt ausdehnen, dann steht für Anleger die sogenannte „Friedensdividende“ auf dem Spiel.

Die Friedensdividende hat zwei Ausprägungen. Zum einen, dass Staaten in Zeiten einer als gering eingestuften Bedrohungslage weniger Geld für Rüstung und mehr für gesellschaftsdienliche Zwecke, etwa für Bildung, Infrastruktur oder sozialstaatliche Programme zur Verfügung haben. Üblicherweise dienen solche Staatsausgaben dem Zweck, den Wohlstand in der Gesellschaft zu erhöhen. Von einer solchen Politik profitiert nicht zuletzt die Wirtschaft und damit auch die Börsen. Der andere Aspekt der Friedensdividende ist finanzmathematischer Natur und betrifft die beiden zentralen Größen der Kapitalmarkttheorie: Risiko und Rendite. Wer in Aktien investiert, akzeptiert ein gegenüber sichereren Anlagen höheres Risiko. Anleger erwarten jedoch, dass ihnen dieses Risiko durch eine höhere Rendite in Form einer Risikoprämie entlohnt wird. Die Höhe der erwarteten Risikoprämie bei Aktien oder Aktienmärkten spiegelt sich grob vereinfacht im Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) wider: Je höher das KGV, umso höher die erwartete Risikoprämie und umgekehrt. Nun zeigen Kapitalmarktanalysen, dass das durchschnittliche KGV von Aktienmärkten seit Beginn der 80er-Jahre unter Schwankungen kontinuierlich gestiegen ist. So lag beispielsweise das mittlere KGV des S&P 500 vor den 80er-Jahren um die 15. Danach, also lange vor der Nullzinspolitik der Zentralbanken, stieg es Zug um Zug und lag im Mittel deutlich über 20. Erklärt wird das gestiegene KGV von Ökonomen vor allem mit dem Ende des Kalten Krieges: Wegen der gebannten Kriegsgefahr und der positiven Folgen für die Weltkonjunktur waren Anleger bereit, dem Aktienmarkt ein höheres Bewertungsniveau zuzubilligen.

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar, wie sich die Situation in der Ukraine letztendlich auflöst. Sofern sich jedoch abzeichnen sollte, dass wir nach Kriegsende in eine Phase geraten, die Züge eines Kalten Krieges bekommt, so sollten Anleger das bei ihrer Anlageentscheidung berücksichtigen. Es wäre es in diesem Fall realistisch, von langfristig niedrigeren Bewertungsniveaus und Renditen bei der Aktienanlage auszugehen.

Franz Schober

Der Autor ist Steuerberater im Tax Department Germany der BNP Paribas S.A. Niederlassung Deutschland. Zuvor war er als Steuerberater bei einer Beratungsgesellschaft und einem inländischen Kreditinstitut tätig. Er ist auf die Besteuerung und Strukturierung von Kapitalanlagen spezialisiert und Autor zahlreicher Fachbeiträge.

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